Thomas Kiechle - Fridays for Future Demo - Kempten 09/19

„Beim Klimaschutz warte ich nicht, bis andere damit anfangen.“

Hier das gesamte Interview mit dem Allgäuer Szenemagazin LiveIn – erschienen Ende Februar 2020 in dessen Märzausgabe.

Vor sechs Jahren stand Thomas Kiechle noch als Lehrer vor Schulklassen, heute ist er Chef von rund 1.000 Mitarbeitern der Stadt Kempten. Im März 2014 gewann er im ersten Wahlgang gegen fünf weitere Kandidaten und stellt sich nun zur Wiederwahl. 

Herr Kiechle, hat sich Ihr Leben seither stark verändert? Und ist der Job schlimmer als gedacht?

Natürlich hat es sich verändert, aber ein Leben ändert sich immer, nicht nur für Politiker – unsere Töchter z.B. sind inzwischen ans Ende ihrer Ausbildung gekommen. Und der „Job“ ist keinesfalls „schlimmer als gedacht“, aber mit weit mehr als 60 Wochenstunden und vielen Abendterminen zeitintensiv. Doch es ist eben auch sehr bereichernd und erfüllend, für eine Stadt und ihre Menschen möglichst vorausschauend zu arbeiten.

Apropos vorausschauend: Was sind die großen Themen, die eine Stadt wie Kempten langfristig beschäftigen werden?

Generell Klimaschutz und Mobilität – und speziell für Kempten, dass wir ihr Wachstum zum Wohle aller lenken und gestalten. Das bringt die Herausforderung mit sich, genügend Wohnraum zu schaffen bei möglichst wenig Flächenversiegelung.

Ist der Klimaschutz erst in den vergangenen sechs Jahren hochgekocht? Auf Ihrem Flyer von 2014 stand er noch an vierter Stelle, nach 1. Wirtschaft, 2. Finanzen und 3. Verkehr…

Der Klimaschutz nimmt heute einen noch höheren Stellenwert als 2014 ein. Klar ist: Eine florierende Wirtschaft sichert einen Finanzhaushalt, der einer Stadt Handlungsspielräume gerade auch beim Klimaschutz eröffnet. Und das dritte Thema Verkehr bietet damals wie heute z.B. große CO2-Einsparpotentiale.

Muss Klimaschutz nicht größer gedacht werden?

Selbstverständlich. Aber ich kann und will nicht warten, bis andere damit anfangen oder endlich begreifen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Jede Stadt und jeder Mensch hat seine Verantwortungsbereiche, seinen ökologischen Fußabdruck, an dem er arbeiten kann.

Was tut Kempten fürs Klima?

Kempten ist hier schon lange aktiv. Wir waren 2015 die nachhaltigste deutsche Stadt mittlerer Größe und 2016 erste Stadt in Bayern, die mit dem European Energy Award in Gold ausgezeichnet wurde. Ich habe, auch mit regionalen Partnern, eine Reihe von Konzepten initiiert, aktuell das Solarkataster, Start der Wasserstofftechnologie für lokale Mobilität und die Mitgliedschaft im Bündnis klimaneutrales Allgäu 2030. Bei diesem Bündnis können viele mitmachen: Kommunen, Unternehmen, Institutionen und ab 2021 auch einzelne Bürger.

Konkret haben wir unter anderem unser Klimaschutzmanagement personell aufgestockt, bieten Förderprogramme z.B. für Lastenfahrräder oder energiesparende Haussanierungen und stellen den städtischen Fuhrpark auf E-Fahrzeuge um.

Auch haben sich Bürgergruppen gegründet, die ganz konkret etwas für das Klima vor Ort tun wollen. Daran sieht man, dass dieses Thema mittlerweile in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist, und ich bin sehr positiv gestimmt, dass wir dadurch noch viel Sinnvolles erreichen.

Was tun Sie persönlich?

Seit Jahren leben wir im Sommer von Gemüse aus dem eigenen Garten und haben in Freilandhaltung ein paar Hühner, die uns das ganze Jahr Eier liefern. Wann immer möglich gehe ich zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad. Wir greifen möglichst auf Produkte und Dienstleistungen aus der Region zurück, um hier die Wertschöpfung zu erhalten und mit kurzen Lieferwegen weniger CO2 zu verursachen.

Flächenversiegelung kontra Wohnraum schaffen: Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Bereits 2018 in meiner Rede zur Eröffnung der Allgäuer Festwoche habe ich betont, dass wir uns im Allgäu Gedanken machen müssen über eine zunehmende Bodenversiegelung. Kommunalpolitiker und Unternehmer habe ich aufgerufen, das kritisch zu hinterfragen. Bei der Stadt Kempten setzen wir u.a. auf ein kommunales Flächenmanagement für einen schonenden Flächenverbrauch, z.B. durch Nachverdichtung im Innenstadtbereich oder die Schaffung neuer Wohn- und Geschäftsräume in ehemaligen Industriebrachen oder Bundeswehrliegenschaften.

Es heißt mancherorts, Kempten wachse zu stark, so dass Wohnraum knapp werde. Was ist da konkret los?

Eines grundsätzlich vorab: Es ist absolut begrüßenswert, dass Kempten attraktiv ist und seit Jahren in vielen Bereichen wächst. Es wäre absurd – und ich will und kann auch gar nicht Menschen verbieten, hierher zu ziehen, Unternehmern untersagen, Arbeitsplätze zu schaffen, oder in Anbetracht der – erfreulich – steigenden Geburtenzahlen in Kempten jemanden bitten, doch besser keine Kinder zu bekommen. Wir leben hier in einem freien Land. Zudem ist die Aussage populistische Schwarzmalerei, gegen die viele Fakten sprechen.

Mehr Bürger, mehr Arbeitsplätze, mehr und wachsende Unternehmen: Auch das hat uns die Einnahmen verschafft, um seit Dezember eine schuldenfreie Stadt vorweisen zu können – nebst Ingolstadt übrigens die einzige kreisfreie Stadt in Bayern.

Schauen wir uns die Zahlen von 2010 bis 2018 an: Hier ist die Einwohnerzahl um knapp 9 Prozent auf über 70.000 Einwohner mit Erst- und Zweitwohnsitz gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist der Wohnungsbestand um über 9 Prozent auf über 35.000 Wohnungen gewachsen, darunter knapp 1.700 neu gebaute Wohnungen.

Die Sozialbau als kommunales Wohnungsbauunternehmen, aber auch die BSG und andere leisten seit vielen Jahren Enormes, um weiterhin genügend Wohnraum für alle Einkommensklassen zu schaffen: Auch in den nächsten zwei bis drei Jahren werden wieder über 1.000 Wohnungen neu auf den Markt kommen.

Woher kommen all die Neubürger?

Die sind zum Teil „hausgemacht“: Von 2010 bis 2018 stiegen die Geburten pro Jahr um 29 Prozent von 537 auf 693. Die weiteren Neubürger stammen meist aus Bayern. 2018 waren es (bei 4.330 Wegzügen) ganze 5.405 Zuzüge. Davon stammen 1.781 Menschen allein aus dem Allgäu, 955 aus dem übrigen Bayern, 1.043 aus anderen Bundesländern, 868 aus der EU und 443 bzw. 8 Prozent aus dem sonstigen Ausland.

Was bedeutet das für die Stadt Kempten?

Um das Jahr 2000 dachten wir noch, die Einwohnerzahl wird sich bei rund 60.000 Einwohnern einpendeln. Nichts deutete auf ein Wachstum hin. Heute stehen wir bei über 71.000.

Unsere größten Anstrengungen werden in den kommenden Jahren vor allem der Betreuung und den Schulen gelten. Der Ausbau der Kapazitäten um 500 Kindergartenplätze und 170 Kinderkrippenplätze läuft mit Hochdruck. Allein 2018 und 2019 wurden 312 Kindergarten- und 47 Krippenplätze neu geschaffen. 2020 und 2021 geht der Ausbau ungemindert weiter: Der Bau der Kindertagesstätte Halde-Nord an der Thomas-Dachser-Straße mit 78 Kindergarten- und 30 Krippenplätzen hat begonnen, das Chapuis-Haus an der Füssener Straße folgt. Hierfür sind Investitionen von rund 23 Mio. Euro geplant.

Dazu kommen von 2020 bis 2023 rund 57 Mio. Euro für unsere Schulen, darunter erstmals wieder ein Neubau, entsprechend dem Ziel: bestmögliche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen in unserer Stadt.

Foto: Bei der Fridays-for-Future Demonstration auf dem Rathausplatz in Kempten im September 2019

Quelle: https://issuu.com/live-in-verlag/docs/2020-03

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